Walliser Bote vom 2. August 2007 Spurensicherung und Höhenflüge
Halbzeit beim Terbiner Landschaftstheater «Versehen Vergehen»Die Bilder der Inszenierung «Versehen Vergehen» bleiben dem Zuschauer lange in Kopf und Herz haften.
Ob Paradies, Vorparadies oder Fegfeuer, die Naturkulisse von Visperterminen eignet sich dafür nicht nur entlang des Kapellenweges.V i s p e r t e r m i n e n. Wenn schon einmal die Interessen der Bergbahnen, der Kulturfreunde von hier und von auswärts, der Sommergäste und der verschiedenen Generationen zusammentreffen, so lohnt es sich auch, darauf zurückzukommen. Die von unserem Blatt ausführlich gewürdigte Premiere liegt nun schon zehn Tage zurück und nochmals zehn Tage dauert es, bis die «Inszenierte Sesselbahnfahrt durchs Jenseits» des Vereins «ZTärbinu» zwischen Visperterminen und Giw vom Sommerkalender verschwunden sein wird.Dass hierzulande Kultur immer auch eine Auseinandersetzung mit Religion bedeutet, wird im nächtlichen und luftigen Theater auf vielfache Weise in Erinnerung gerufen. Indem die ganze Angelegenheit nach dem mittelalterlichen Muster von Dantes «Göttlicher Komödie» aufgezogen wird, wurde die Messlatte recht hoch angesetzt. War der Florentiner aus dem 13. Jahrhundert doch ein Dichter, der sich nicht scheute die damalige Politik der Fürsten und Päpste ebenso aufs Korn zu nehmen, wie die alltäglichen Laster seiner Mitmenschen.
Die Zeit vergeht
Die Darstellung der menschlichen Anatomie in Zeichnungen auf den Wänden der alten Ställe erinnerten an die lange Geschichte der Entdeckung und Unterdrückung menschlicher, insbesondere weiblicher Sexualität. Die mit viel Stroh ausstaffierten Hütten, die für ledige Mütter und uneheliche Kinder zur Hölle auf Erden wurden, erinnerten vordergründig an weihnächtliche Krippenszenen, waren aber nicht zuletzt wegen dem
verstaubten, mit Spinnennetzen und Mistgeschmacksnoten ausgestatteten Umfeld ein Ort der Beklemmung und Einengung.
Dieser Eindruck wurde vom Geschwätz und der üblen Nachrede der selbstgerechten Dorfbewohner noch verstärkt. Ein theatralisch höchst angezeigter, aber schwieriger Kontrapunkt zu diesen ersten Szenen über die Diskriminierung junger Mütter fanden die Projektleiterinnen von t-raumfahrt, Isabel Schumacher rund Elisabeth Wegmann, mit dem Einkehrraum. Dorthin führte der Theaterpriester das Publikum.
Ein gutes Dutzend Pendel- und Stubenuhren aus verschiedenen Epochen luden vielleicht allzu diskret dazu ein, über die Vergänglichkeit der Dinge, der Kirchenmacht und Männergewalt und anderer Normen nachzudenken.
Reinstes Vergnügen
Was nach dem harten Anfang der Inszenierung in den alten Landwirtschaftsgebäuden folgt, ist reinstes Vergnügen. Die Kombination von Kapellenweg und Fegfeuerflammen, von Kirchenruinen und Waldbeleuchtung mit armen Seelen, von Wind und Wolken führt zu einem meist gewollten und manchmal auch ungewollten Zusammenspiel zwischen Diesseits und Jenseits, das die Sesselbahnfahrer/innen mit ihren Kopfhörern in freie Gefilde entschweben lässt und über Theaterkritik wohl hinausgeht.
Die zwischen Klassik und Moderne schwankenden Bilder von schwebenden Engeln, die Paradiesgestalten und singenden Glückseligen lassen die Welt der Sorgen und Nöte vergessen. Die Frage des Neugeborenwerdens, der Läuterung und des ewigen Glücks hier oder dort werden bei der Talfahrt in ein paar treffenden Sätzen nochmals zelebriert.
Dass dabei die Anfangsthematik der unehelichen Kinder nicht mehr zu Wort kommt, versteht sich ist aber schade. Das Publikum kommt eh in Schwierigkeiten die Wörterreihen Versehen, Vergehen, Vergeben und Vergessen in der richtigen Reihenfolge nach Hause zu tragen.
Platz genug
Dass die Inszenierung, die laut Elisabeth Wegmann gut unterwegs ist und über 200 Gäste pro Abend erfreuen konnte, auf genau 244 Besucher pro Veranstaltung angewiesen ist, klingt angesichts der Poesie der Szenen in den Wäldern und Weiden zwischen Visperterminen und Giw fast schon wie ein Stilbruch. Dennoch sei hier an die noch freien Plätze für die kommenden Aufführungen vom 2. bis 5. August und vom 8. bis 11. August hingewiesen.
Sonntagszeitung vom 5. August 2007
Licht am Ende des Tunnels
» Walliser Bergdörfer bereiten sich auf die Zeit nach dem Lötschberg-Basistunnel vor
VON JOËL WIDMEREs riecht nach Ziegenkot. Auf dem Boden liegt altes Stroh. Die Holzbalken im düsteren, alten Stall sind abgewetzt. Die Decke ist so niedrig, dass nicht nur gross gewachsene Besucher sich ducken. Aus einer Ecke ertönt ein Hörspiel: Eine Frauenstimme erzählt von einem feuchtfröhlichen Fest, von der spannenden, verhängnisvollen Verführung durch einen Burschen. Das Kratzen einer Schallplatte versetzt zurück in vergangene Zeiten.In Visperterminen wird in diesen Tagen eine inszenierte Sesselbahnfahrt aufgeführt – eine Freiluftaufführung mit Hörspielen, Figuren, Licht- und Klanginstallationen. Das Stück mit dem Titel «Versehen – Vergehen» beginnt am Rand des urtümlichen Dorfkerns: Die Besucher gehen durch neun verwitterte Holzställe, in denen Stimmen Schicksale erzählen von Frauen aus der Region, die vom rechten Weg abgekommen sind und mit ihren unehelichen Kindern verstossen wurden.Das 1450-Seelen-Dorf Visperterminen liegt auf einer Terrasse oberhalb von Visp auf 1336 Meter über Meer. Am Eingang zum Mattertal, wo die grosse Masse der Touristen ins weltbekannte Zermatt oder nach Saas-Fee durchfährt. Ab 9. Dezember verkürzt sich durch den neuen Lötschberg-Basistunnel die Zugfahrt aus der Deutschschweiz ins Oberwallis um mehr als eine Stunde. Davon profitiert auch Visperterminen. Doch im Gegensatz zu den Top-Destinationen, welche die schnellere Anbindung längst benutzen, um die Werbetrommel zu rühren, fehlen den Dörfern an den Hängen rund um Visp die dafür nötigen Marketingmillionen. Ihnen können nur überraschende Ideen helfen, auf ihr touristisches Potenzial aufmerksam zu machen – auf gelebte Tradition ohne Hektik in einer intakten Natur.Auf dem Giw, bei der Bergstation der Sesselbahn, herrscht Düsternis. Die Besucher beenden ihre Fahrt durch ein «Fegefeuer» aus Lichtinstallationen, lassen ihre Kopfhörer zurück und steigen vom Sessel. Am Waldrand erscheinen im Lichtkegel eines Schweinwerfers weiss gekleidete Kinder, ein Schimmel und weisse Ziegen. Helle Glockenklänge ertönen über der Lichtung. Die Szenerie symbolisiert den Eingang ins Paradies, in das früher die Mütter von unehelichen Kindern nach dem Fegefeuer eingehen durften. So zumindest besagt es die religiöse Tradition im Oberwallis.Visperterminen ist wohltuend ursprünglich: Kein prunkvoller Hotelpalast ragt heraus, keine überdimensionierte Chalet-Villa stört das Bild, die Hänge sind frei von monströsen Liftanlagen. Und doch ist hier nicht Ballenberg. Das Dorf lebt. Dies zeigt auch das Sesselbahn-Spektakel: Inszeniert wird es von zwei Zürcherinnen, aufgebaut und gespielt aber von mehr als 200 Einheimischen.Als die Autorinnen des Spektakels bei den Dorfbewohnern nach Zeugen für ihre Frauengeschichten suchten, erhielten sie – nach anfänglicher Skepsis – Auskunft und vor allem viel Unterstützung bei der Umsetzung. Für das «Paradies» auf dem Giw etwa suchten die beiden nach Tieren mit schneeweissem Fell. Ein Bauer meinte dazu einsilbig: «S’geit de scho.» Und tatsächlich: Schon bei der ersten Probe standen ein Schimmel und ein paar weisse Ziegen da. «Die Menschen hier verlieren nicht viele Worte», sagt die Autorin Isabel Schumacher, «aber sie packen gleich mit an.»
Walliser Bote vom 23. Juli 2007
Eine (fast schon) göttliche Komödie
Premiere der inszenierten Sesselbahnfahrt «Versehen Vergehen» in Visperterminen
V i s p e r t e r m i n e n. Nach monatelangem Recherchieren, Aufbauen und Proben hat das szenografische Projekt «Versehen Vergehen» am Freitag endlich Premiere gefeiert. Der WB hat sich auf die Reise durchs Jenseits begeben.
Im Heidadorf ist man dem Himmel angeblich etwas näher als im Talgrund, und tatsächlich scheinen die Terbiner einen guten Draht zu Petrus zu haben. Um 20.00 Uhr drängen sich die Besucher noch unter Schirmen auf dem Herrendorf-Platz aneinander. Nichts deutet darauf hin, dass der Regen noch rechtzeitig aufhören könnte, um die Premiere der Freilichtaufführung zu ermöglichen.
Alles im Griff sogar das Wetter
OK-Chef Berno Stoffel aber meint: «Um 20.45 Uhr hört es auf.» Aus seinem Mund klingt es nicht wie eine Hoffnung, sondern wie eine Bekanntmachung.
Und tatsächlich, um punkt Viertel vor neun stoppt der Regen, als sei das Wetter nur Teil der Inszenierung. Das Wetterglück mag vielleicht nur einem glücklichen Zufall geschuldet sein. Aber was an diesem Abend geleistet und geboten wird, ist dennoch beeindruckend.
Ein Fest der Sinne
Tambouren schicken die erste Gruppe auf den Weg. Dieser führt zuerst in einen Stadel, in dem die Projektion einer jungen Frau zu sehen ist. Der Einstieg ist irritierend, aber wunderbar gewählt: Auf den ersten Blick bewegt sich auf dem Bild scheinbar nichts. Erst bei genauerer Betrachtung erkennt man, dass die Frau langsam und gedankenverloren ihren Bauch streichelt. Aus Lautsprechern hört man leise ein Windspiel klingen. Und dazu kommt dieser durchdringende Geruch nach Stall, nach Altem, den man hier nicht künstlich darzustellen braucht. «Versehen Vergehen» spricht alle Sinne des Publikums an, sofern es bereit ist, sich darauf einzulassen.
Geografie als Mitgestalter
Der alte Dorfteil von Visperterminen erweist sich als perfekte Szenerie für den ersten «diesseitigen» Teil einer Reise, die von Dantes «Göttlicher Komödie» inspiriert ist. Weitere originelle Installationen in verschiedenen Stadeln und ein Auftritt der «Tärbiner Dorfbühne» führen auf das Leitthema des Abends hin: die (historischen) Schicksale junger Mädchen, welche als Mütter unehelicher Kinder von der Gesellschaft ausgestossen wurden. «Versehen Vergehen» bezieht nicht wertend Position: Die Installationen versuchen sowohl ein Verständnis für die gesellschaftliche Situation zu schaffen, wie auch Anteilnahme für die betroffenen Frauen zu erwecken. Gerade Letzteres gelingt durch den fantasievoll umgesetzten Einbezug von teils rührend naiven, teils erschütternden Selbstzeugnissen der jungen Frauen.
Auf dem Sessellift durch das Fegefeuer
Im Anschluss an den Dorfrundgang folgt ein kurzer Marsch zur Sesselbahn. Einige der Zuschauer unterhalten sich bereits hier nur noch im Flüsterton, völlig versunken in ihre Jenseits-Reise. Auf der Sesselbahnfahrt erklingt über Kopfhörer eine Collage aus elektronischen Klängen, Interviews mit älteren Terbinern zum Thema Fegefeuer und Textpassagen von Goethe bis Dante. Was nach anstrengender Hochkultur klingt, hat im Gegenteil eine fast schon meditative Wirkung. Ausserdem ist es eine gelungene Einstimmung auf die Darstellungen und Effekte am Boden entlang der Strecke. Selbst im Fegefeuer wähnt man sich gottlob nicht; aber immerhin wird anschaulich vor Augen geführt, wie man sich die Welt der Busse früher vorzustellen pflegte.
Gut verkabeltes Paradies
Das «Paradies» schliesslich wartet auf 2000 Meter Höhe. Mittlerweile hat wieder ein leichter Regen eingesetzt und es ist kühl hier oben bezeichnenderweise stört sich kaum ein Zuschauer daran. Die meisten folgen unverzüglich dem Pfad, der durch eine Reihe von Lichtern gewiesen wird, hin zur Aufführung der Terbiner Schulkinder und weiter durch ein Waldstück, das die letzte und zugleich beeindruckendste Etappe der Reise darstellt. Zu viel soll nicht verraten werden, aber was hier an logistischem und künstlerischem Aufwand betrieben wurde, ist gewaltig und im Prinzip wunderbar anzusehen. Im «Paradies» fehlen nämlich sämtliche sprachlichen Erläuterungen, was zählt, ist einzig das, was zu sehen ist.
Lenfer, cest les autres
Einige Zuschauer wissen dies zu schätzen, andere fühlen sich in der Stille eher dazu animiert, lautstark über die technischen Aspekte des Himmels zu fachsimpeln und ihre Begleiter damit aus der Illusion herauszureissen. So störend dies sein mag, so passend ist es in gewissem Sinn. Schon Jean-Paul Sartre wusste nämlich: «Die Hölle, das sind die anderen.» Und so wird auf Umwegen Luzifers Reich in Visperterminen noch zum Thema, auch wenn es in der eigentlichen Inszenierung so nicht vorgesehen war. Vielleicht werden die Organisatoren aber auch den Rededrang des Publikums noch in den Griff bekommen wie ja das Wetter auch. Es lohnt sich auf jeden Fall, die Jenseits-Reise selbst anzutreten und sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen. cz
Walliser Bote vom 19. Juli 2007 Diesseits Jenseits und zurück
Hinter der inszenierten Sesselbahnfahrt «Versehen Vergehen» steckt weit mehr als nur ein Spektakel
V i s p e r t e r m i n e n. Die inszenierte Sesselbahnfahrt «Versehen Vergehen» verspricht ein Freilichtspektakel erster Güte. Brauchtum, Tradition, Sagen und das ohne die Au-thentizität zu verlieren, wie es sich für Visperterminen gehört, werden mit Licht und Schall in Dorf und Landschaft inszeniert. Dahinter stecken aber nicht nur die enorme Anziehungskraft des Schauplatzes für Besucherinnen und Besucher, sondern auch eine ausserordentliche Portion Herzblut der Dorfschaft Visperterminen.
Nach dem Grosserfolg des Projekts «Sagenhaft» im Jahr 2004 lag es auf der Hand, erneut eine analoge Freilichtaufführung ins Auge zu fassen und nun auch zu realisieren. Damals waren es
Isabel Schumacher und Elisabeth Wegmann, die an Visperterminen herantraten und so im Rahmen ihrer Ausbildung in Szenografie eine Diplomarbeit in Gommiswald umsetzten und «Sagenhaft» in Visperterminen mitbegründeten. Daraus resultierte denn auch das Unternehmen T-Raumfahrt, in dem die beiden Frauen szenografische Projekte bewerkstelligen. Morgen Freitag kommt es nun in Visperterminen zur Premiere «Vergehen Vergessen».
«Das ganze Dorf hat Feuer gefangen»
Das Projekt wird vom Verein zTärbinu präsentiert und von der Giw AG mit Verwaltungsratspräsident Berno Stoffel als OK-Chef sowie Visperterminen Tourismus mit Judith Kreuzer als Bindeglied zu T-Raumfahrt und Verantwortliche für die Umsetzung getragen. Vorerst drängt sich ein kurzer Rückblick auf «Sagenhaft» vom Sommer 2004 auf. Dazu Berno Stoffel: «Mit 3300 Besuchern, davon 18 Prozent aus der Deutschschweiz, wurden die Erwartungen bei weitem übertroffen. Aus finanzieller Sicht gelang es, das Budget einzuhalten.» Wie er weiter ausführte, wurde das Projekt auch für den Milestone (unter die letzten 15) nominiert und stellte einen grossen Schub für den Terbiner Sommertourismus dar. Die damals inszenierte Sesselbahnfahrt in der Dämmerung, die in erster Linie in das Reich der armen Seelen führte, sorgte schweizweit für Aufmerksamkeit und Anerkennung. Und Berno Stoffel fügt einen wichtigen Punkt an: «Im Dorf selber stand man vorerst dem Projekt Sagenhaft eher skeptisch gegenüber, doch plötzlich fingen alle Feuer und standen voll und ganz dahinter.» Dies als Merkmal und mitentscheidender Faktor zum Erfolg.
Brauchtum und Tradition modern verpackt
Inspiriert von Gully-Marie, der Geschichte einer «Kindesmörderin», (Das Buch von Ines Mengis-Imhasly ist im Rotten Verlag erschienen), die angeblich in Visp hingerichtet wurde, befasst sich nun «Vergessen Vergehen» mit Gerüchten, Zwielicht und mit der Leidenschaft als Sünde. Dabei wird der Schauplatz einer begeh- und befahrbaren Raum- und Klanginszenierung dazu benutzt, Brauchtum und Tradition in einem Zeitsprung von einst und heute modern zu verpacken. «Inhaltlich legen wir den Fokus auf Frauenschicksale der näheren und entfernteren Vergangenheit in Visperterminen und Umgebung. In unseren Recherchen vor Ort setzen wir uns mit Lebensgeschichten und -episoden auseinander, in denen Frauen vom rechten Weg abweichen mussten», wird die Projektidee umschrieben. Ziel sei es auch, mit dem Thema behutsam umzugehen, indem nicht Einzelschicksale exponiert werden, sondern Fragmente aus Interviews und anderen Quellen zu einer neuen Geschichte verwebt werden, die als Grundlage für eine fantasievolle Inszenierung dienen.
Vom Diesseits über das Fegefeuer ins Paradies
Auf die Frage, wie man in einem Dorf wie Visperterminen mit Abweichungen von der Norm umgegangen ist und wie man solche Begebenheiten ins Dorfleben integriert hat, werden verschiedene Sichtweisen für dieses «Vergehen» künstlerisch umgesetzt. Ohne der eigentlichen Dramaturgie vorgreifen zu wollen, beginnt der szenografisch inszenierte Rundgang im Dorfkern mit dem Stadel im Diesseits. Auf der Sesselbahn beginnt die Fahrt ins beziehungsweise übers Fegefeuer und endet bei der Bergstation im Paradies, einem Rundgang als Höhepunkt der Freilichtinszenierung. Die Rückfahrt mit der Sesselbahn stellt schliesslich die Rückkehr ins Diesseits dar. In Gruppen zu 15 Personen kann die zirka zweistündige Reise ins Jenseits und zurück unternommen werden. Nicht weniger als 15 Aufführungsdaten werden angeboten, wobei Voranmeldung erwünscht ist, da nicht mehr als 330 Personen pro Abend angenommen werden können. Nähere Details, Informationen und Anmeldungen können bei Visperterminen Tourismus eingeholt beziehungsweise vorgenommen werden.
Landschaft und alter Dorfteil als Bühne
Visperterminen hat sich zum Ziel gesetzt, ein eindrückliches Erlebnis zu schaffen, Einheimischen, Oberwallisern und Gästen eine abenteuerliche Auseinandersetzung mit der Geschichtenwelt des Dorfs zu ermöglichen. «Inhaltlich gehen wir stark vom Veranstaltungsort aus. Zentraler Teil unseres Projekts sind Geschichten, die wir durch Recherchen in Archiven sowie durch mündliche Überlieferungen ausfindig machten», schreiben die Verantwortlichen. Dabei sollen landschaftliche Gegebenheiten wie auch der alte Dorfteil in geheimnisvolles Licht gerückt, als Bühne dienen. In der szenografischen Arbeit begibt man sich auf neue Wege der Geschichtsvermittlung, wobei bekannte Formen von Theater- und Museumsbesuchen aufgebrochen werden. Die Besucher können den Ort mit den feinen Veränderungen aus einer anderen Perspektive wahrnehmen. Mit Lichtsignalen, Klang, Projektionen und Figuren werden skurrile und mystische Welten kreiert. Die Landschaftsinszenierungen sind für das Publikum begehbar und dürften zu einem Erlebnis werden, das allen Sinnen entspricht.
300 Personen für Erlebnis erster Güte
Das Projekt wird getragen durch die intensive Zusammenarbeit mit der gesamten Bevölkerung wie den Dorfvereinen, der Gemeinde, des Tourismus und der Giw AG. Das Budget in der Höhe von über 180 000 Franken ist eine Seite, der Aufwand die andere. Während die Stadel im Dorfkern in ihre Authentizität belassen wurden, ist die Landschaft mit Licht und Schall inszeniert. Vorübergehend mussten auch bauliche Massnahmen getroffen werden. Während den letzten drei Wochen und den kommenden Aufführungen stehen rund 300 Personen im Einsatz. So hat beispielsweise die OPRA Brig das «Paradies» aufgebaut. Allein für die Beleuchtung mussten vier Kilometer Kabel ausgelegt werden. Unter den Mitwirkenden befinden sich die Tambouren, die Theatergruppe Terbiner Dorfbühne, der Jugendverein, die fünfte und sechste Primarklasse sowie der Gemischte Chor und der Chor Farfalla. Alles in allem materiell und finanziell ein hoher Aufwand, der sich bestimmt auszahlen wird. Allzu gut ist «Sagenhaft» noch in Erinnerung. Und wer die Mentalität der Visperterminer kennt, weiss, dass die Anstrengungen dahin gehen, noch ei-
ne Steigerung erzielen zu können. Die Voraussetzungen dazu und damit zu einem einmaligen Erlebnis sind jedenfalls gegeben. mav
Walliserbote vom 8. März 2007
Im Jenseits sind noch Stellen frei
Für die inszenierte “Sesselbahnfahrt durchs Jenseits” in Visperterminen werden noch Mitwirkende gesuchtV i s p e r t e r m i n e n. Ende Februar trafen sich rund 80 Laienschauspielerinnen und -schauspieler aus Visperterminen zur ersten Probe für die inszenierte Sesselbahnfahrt 2007 “Versehen Vergehen”. Da für die Aufführungen die Rollen jeweils dreifach besetzt sein müssen, suchen die Organisatoren noch Mitwirkende. Nach dem grossen Erfolg des Projekts “Sagenhaft - eine inszenierte Sesselbahnfahrt in der Dämmerung” vor zwei Jahren hat sich der Kulturverein “Z’Tärbinu” eine neue Veranstaltung zum Ziel gesetzt. Diesen Sommer soll “Versehen Vergehen”, die inszenierte Sesselbahnfahrt durchs Jenseits, über die Bühne gehen.Die ersten Proben
Bereits jetzt wird für das neue Projekt fieberhaft mit grossem Eifer geprobt. Rund 80 engagierte Bewohner/innen aus Visperterminen, darunter 19 Mitglieder der Tärbiner Dorfbühna, 27 Schüler/innen der Mittelstufe sowie 38 Mitglieder des Jugendvereins Visperterminen trafen sich Ende Februar zur ersten Probe im Pfarreisaal. Die beiden Regisseure Stefan Burgener aus Visperterminen und Martina Hasler aus Zürich informierten die Anwesenden über ihre zukünftigen Rollen. Wer erhält welche Rolle? Die bereits erfahrenen Laienschauspielerinnen und -schauspieler der Tärbiner Dorfbühna bereiten sich auf eine Dorfszene im Diesseits vor, die zwischen alten Walliser Stadeln spielen wird und sich rund um die Themen alter Brauchtum und Dorfgespräche drehen wird. Mitglieder des Jugendvereins und anderer Visperterminer Vereine proben das Schattenspiel auf der Liftstrecke, welches das “Fegefeuer” symbolisiert.
In einer Art “Vorparadies” auf einer idyllischen Wiese der Bergstation Giw werden die Schüler/innen der Mittelstufe mit weissen Tieren spielen. Weitere Mitglieder des Jugendvereins üben einfache artistische Rollen ein für das buchstäblich abgehobene Paradies in den Baumwipfeln auf dem Giw. Sie werden angeleitet und instruiert durch die erfahrene Artistin Ursa Huber aus Zürich.
Unter der Leitung von Claude Heinzmann studieren die Mitglieder des Tambouren- und Pfeifervereins einen feinen Rhythmus ein, der die Besucher von den Stadel zum Lift begleiten wird. Die beiden Chöre “La Farfalla” und der “Gemischte Chor Visperterminen” unter der Leitung von Christine Heinzmann und Michel Furrer beschäftigen sich derzeit mit der Interpretation der musikalischen Begleitung im “Paradies”.Mitwirkende Pro Aufführungsabend wird sich eine Gruppe von rund 60 Spielerinnen und Spielern, Sängerinnen und Tambouren engagieren. Da es für die 15 Aufführungen eine zwei- bis dreifache Besetzung braucht, sind noch weitere Mitwirkende gesucht. Vorkenntnisse sind keine nötig. Wer Lust hat, einmal im Leben selbst auf einer Bühne, noch dazu vor einer schönen Naturkulisse, zu spielen, kann sich beim Regisseur Stefan Burgener, st.burgener@ freesurf.ch, melden. Die Aufführungsdaten sind am 20. bis 22. Juli, vom 26. bis 29. Juli sowie vom 2. bis 5. und 8. bis 11. August. wekWalliser Bote vom 6. Januar 2007 Einmal Jenseits und zurück
Im Sommer findet in Visperterminen «Versehen Vergehen» eine «Sesselbahnfahrt durchs Jenseits» stattV i s p e r t e r m i n e n. Nach dem durchschlagenden Erfolg ihres Projektes «Sagenhaft eine inszenierte Sesselbahnfahrt in der Dämmerung» vor zwei Jahren hat sich der Kulturverein «zTärbinu» eine neue Veranstaltung aufs Banner geschrieben: Im Sommer geht «Versehen Vergehen», die inszenierte Sesselbahnfahrt durchs Jenseits, über die Bühne.
«Als wir vor zwei Jahren das «Sagenhaft»-Projekt lancierten, begegnete man uns im Dorf mit einiger Skepsis», teilte Berno Stoffel, OK-Präsident des Anlasses, an der gestrigen Medienkonferenz mit.Das neue Konzept steht
Doch nach den Anlaufschwierigkeiten liess sich die Bevölkerung für das Projekt begeistern und zum Mitmachen animieren. Die Leute sollten es schlussendlich nicht bereuen, denn «Sagenhaft eine inszenierte Sesselbahnfahrt in der Dämmerung» mauserte sich nicht zuletzt dank den über 3000 Zuschauern zu einem vollen Erfolg. Das Projekt fand damals zudem auch den Weg unter die besten 15 Beiträge des von Schweiz Tourismus durchgeführten «Milestone»-Wettbewerbs, übrigens als einziges des Oberwallis, wie Berno Stoffel nicht ohne Stolz erwähnt. Die Aufführungen entlang der Sesselbahn waren damals künstlerisch von den beiden Szenografinnen Elisabeth Wegmann und Isabel Schumacher gestaltet worden. «Der Kontakt zwischen unserem Kulturverein und den beiden Szenografinnen ist auch nach dem Projekt nie ganz abgebrochen. In der Zwischenzeit reifte der Plan, etwas Neues auf die Beine zu stellen», teilte Berno Stoffel mit. Inzwischen steht das neue Konzept und die Hauptverantwortlichen, nebst den beiden Szenografinnen handelt es sich um Produktionsleiter Heinz Rosenast und Spielleiterin Martina Hasler, sind bereits eifrig mit der Vorbereitung und Umsetzung beschäftigt.Auf der Suche nach Frauenschicksalen Worum geht es nun im neuen Projekt? Das Konzept basiert auf dem Vorgängermodell, also einer begeh- und befahrbaren Rauminszenierung mit der Sesselbahn. Inspiriert vom traurigen Schicksal der Marie Gully, die im 19. Jahrhundert wegen angeblichen Kindsmords hingerichtet worden war, legen die Künstlerinnen den Fokus auf Frauenschicksale der näheren und ferneren Vergangenheit in und um Visperterminen. «Wir sind noch auf der Suche nach Frauen, die auf ihrem Weg die gesellschaftlichen Normen verlassen haben. Uns interessiert, wie diese Frauen ihr Schicksal gemeistert haben, wie die Gesellschaft auf diese Frauen reagiert hat, wir befassen uns mit Gerüchten, Zwielichten, mit der Leidenschaft als Sünde», teilt Elisabeth Wegmann mit. Ziel sei es, das Thema behutsam anzugehen. So sollen nicht Einzelschicksale an den Pranger gestellt, sondern Fragmente aus Interviews und anderen Quellen collagenartig zu einer neuen Geschichte verwebt werden, die als Grundlage für eine fantasievolle Inszenierung dienen.Vom Diesseits ins Jenseits und zurück Die Inszenierung ist in vier Teile gegliedert: Der alte Dorfkern von Visperterminen dient als Schauplatz des Diesseits, die Bergfahrt mit der Sesselbahn versinnbildlicht das Fegefeuer, die Bergstation auf dem Giw stellt das Paradies dar, die Talfahrt bringt die Besucher schliesslich wieder ins Diesseits zurück.
Im Dorfkern findet ein Schauspiel statt, in dem einzelne Figuren ihre Geschichten darlegen, die voller Leidenschaft, Verführung und Sehnsucht sind. Auf der Sesselbahnfahrt werden wunderliche Szenerien in der Landschaft beobachtet. Hier durchlaufen die Frauen das Fegefeuer und tun Busse für ihre vorher begangenen Sünden. Im Paradies bei der Bergstation findet der Abend seinen dramaturgischen Höhepunkt. In und auf Bäumen spielen sich surreale Szenen ab, betörende Traumbilder der Protagonisten. Nach dem paradiesisch entrückten Aufenthalt werden die Besucher erlöst und wehmütig mit der Sesselbahn wieder ins Diesseits geschickt. Dabei zeigen sich die vorher erlebten Installationen von einer völlig anderen Seite, neue Stimmen erzählen die Geschichte zu Ende. An einem atmosphärisch gestalteten Naturschauplatz befindet sich eine Bar, in der bei einem Trunk über das Erlebte gesprochen wird.
Aufführungen schon jetzt buchbar Den gestalterischen Mitteln sind fast keine Grenzen gesetzt. Nebst Lichteffekten und Landschaftsbeleuchtungen werden auf der Sesselfahrt auch per Kopfhörer Hörspiele zu erleben sein, Schauspieler und Figuren erzählen entlang des Wegs und an den Plätzen ihre Geschichten, Chorgesänge runden das Ganze ab. Ziel des Projekts ist es, ein eindrückliches Erlebnis zu schaffen, das eine abenteuerliche und sinnliche Auseinandersetzung mit der Geschichtenwelt von Visperterminen und Umgebung ermöglicht. Das Projekt entsteht in intensiver Zusammenarbeit mit den Vereinen und der Bevölkerung. «Inzwischen haben bereits über hundert Personen ihre Dienste angeboten», so Berno Stoffel. Bis zum Sommer sollen es mindestens doppelt so viele sein. Die Aufführungen gehen zwischen dem 20. Juli und dem 11. August insgesamt 15-mal über die Bühne und können schon ab jetzt beim Tourismusbüro von Visperterminen gebucht werden. wek