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Tagesschau vom 24. Juli 2004 auf SF1 “Theater aus luftiger Höhe”:
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Walliser Bote / Mittwoch, 21. Juli 2004

Geniale Inszenierung


Die Zürcher Szenografinnen Schumacher und Wegmann brillieren in einer mystischen Welt

Visperterminen - Die beiden Szenografinnen Elisabeth Wegmann und Isabel Schumacher verwandeln das Bergdorf Visperterminen in eine magische Freiluftszene. Nach dem Erfolg des Vorgängerprojektes im sankt-gallischen Gommiswald begeistern die Künstlerinnen das Publikum im Heidadorf.

Ausgangslage des Abends sind Sagen und Geschichten aus Visperterminen. Die Szenografinnen haben Ortsansässige alte Geschichten und Sagen aus der Region erzählen lassen. Im Zentrum der Schilderungen stehen der Gratzug und die Seelenprozessionen. Diese Überlieferungen dienen Schumacher und Wegmann als Grundlage für die Hörspiele. Rund 180 Terbinerinnen und Terbiner verschiedenen Alters sind in irgendeiner Form am Projekt beteiligt. Die einen wirken direkt in der Freiluft-Aufführung mit, die andern verrichten diverse Arbeiten im Hintergrund. Mit dabei sind ebenfalls ein paar junge Leute aus Zürich, welche die Inszenierung tatkräftig unterstützen.

Durch dunkle Gassen

Im alten Dorfkern von Visperterminen werden die Besucher mit einem feinen Glas Wein und Folkloremusik empfangen. Erste Stimmungen einer vergessenen Zeit werden hier aufgenommen. Dann beginnt die eineinhalbstündige Inszenierung, indem die Zuschauer gruppenweise von Pfeifern abgeholt werden. Die Teilnehmer werden durch die verwinkelten Gassen geführt. Begleitet von den melancholischen Tönen der Holzpfeifen regen sich erste nostalgische Gefühle. Ab einem bestimmten Punkt ziehen sich die Musikanten zurück und die Gäste müssen sich an einem weissen Strich weiter orientieren. Dieses Koordinationsmittel weist den Besuchern den Weg zur Sesselbahn.

Sesselfahrt in der Dämmerung

Mit Kopfhörern ausgestattet begibt sich das Publikum auf die Bergfahrt zum Giw. Im Lichte der Dämmerung beginnt die Reise in die Vergangenheit. Akustisch werden die Sagen eingespielt und optisch sind punktuell die ins Licht getauchte Landschaften zu sehen. Ein perfektes Zusammenspiel zwischen Hör- und Schauspiel. Der Zuschauer wird gemütlich den Berg hinaufgezogen, währenddem er die Sinneswahrnehmungen wirken lassen kann. Auf den entgegenkommenden Sesseln setzen die Szenografinnen weitere unerwartete Elemente ein. Berauscht von den Eindrücken kommen die Besucher an der Bergstation an, wo wiederum der weisse Strich die Richtung angibt.

Spaziergang durch den Wald

Aus der Ferne erschallt der Abendgruss, der bei einigen älteren Gesichtern ein Strahlen verursacht. Entlang der weissen Linie führt der Weg in den Wald. Jetzt erlebt der Zuschauer das zuvor Gehörte live. Unruhige Seelen wandeln durch die Natur, begleitet von merkwürdigen Geräuschen. Eindrückliche Impressionen prasseln auf den Beobachter: Irrlichter, Gesänge aus der Berglandschaft und visualisierte Sagenmotivelassen die Teilnehmer schaudern. Es gibt Personen, denen an dieser Stelle nicht mehr ganz wohl ist - vielleicht ist es das schlechte Gewissen gegeüber den Verstorbenen… Vom Rundgang zurück, wird auf der Talfahrt der zweite Teil des Hörspiels eingespielt. Mit einer atemberaubenden Aussicht aufs Tal wird dem Publikum noch einmal ein Leckerbissen präsentiert. Bei der Talstation endet dann die Reise, was bleibt ist ein unvergessliches Erlebnis.

Szenografie

“Die Menschen kennen Theater, Musik, Film und Malerei. Szenografie ist eine Kunstrichtung, welche eine Mischung all dieser Elemente beinhaltet”, äussert sich Elisabeth Wegmann. “Daher war es auch nicht leicht, die Geldgeber von dem Projekt zu überzeugen; sie konnten sich nichts Genaues darunter vorstellen”, ergänzt Berno Stoffel, der die Künstlerinnen nach Visperterminen holte. Erstaunlich ist auch das engagierte Verhalten der Ansässigen. ” Die Zusammenarbeit mit den Einheimischen hat hervorragend geklappt. Es vereinfacht das ganze Unternehmen erheblich, wenn eine breite Unterstützung in der Bevölkerung vorhanden ist. Auch das Publikum ist sehr angenehm. Als das Wetter am vergangenen Wochenende nicht immer mitspielte, reagierten die Leute sehr gelassen und zeigten sich geduldig”, bemerkt Isabel Schumacher.

Letzte Chance

Den beiden Zürcher Szenografinnen ist zusammen mit den Terbinern ein einmaliges Kunstwerk gelungen. Gespannt darf man auf die zukünftigen Projekte der talentierten Damen sein. Vielleicht werden die armen Seelen nicht ruhen, ehe die beiden das Wallis wiederum aufsuchen. Alle Interessierten erhalten diese Woche noch die Möglichkeit, die Freiluft-Aufführung vor Ort zu besuchen. Heute Mittwoch bis am Sonntag werden die letzten Darbietungen inszeniert. Wer also den Gratzug nicht fürchtet, aber fasziniert ist von Sagen und Geschichten, sollte sich entführen lassen in eine vergessene Welt. dk

KOMMENTAR
Von sagenhaft bis märchenhaft
«Sagenhaft» ist ein grosser Erfolg. Damit haben die Terbiner einen weiteren Beweis angetreten, wie man etwas bewegen kann. Sie haben sich vor allem den teuren Rat zum Griff in die Trickkiste des Tourismus erspart. Dafür haben sie die alternde, interessantere Kommode auf dem Dachboden geöffnet. Urtümlichkeit, Tradition, Brauchtum, Geschichte und eben auch Sagen machen das Wallis für Gäste, aber auch für Einheimische immer wieder interessant. Fehlinvestitionen an Infrastrukturen als Hoffnungsschimmer, den Tourismussommer zu retten, haben nichts Gleichwertiges zu bieten. Sie klingen für den Anbieter verlockend. Der Konsument lässt sie aber meist links liegen. Die Anlagen beginnen unbetreut zu verlottern. Da muss der sagenhafte Erfolg im Heidadorf vielen Verschlimmbesserern der Tourismusbranche märchenhaft vorkommen. Marcel Vogel

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