Projektbeschrieb
Ausgangslage dieses Abends sind Sagen und Geschichten aus Visperterminen. Erster Schritt unserer Arbeit sind Interviews, die wir mit verschiedensten Bewohnerinnen und Bewohnern zu diesem Thema durchgeführt haben. Wir konzentrieren uns dabei hauptsächlich auf die ortstypischen Sagen über die «Armen Seelen» und den «Gratzug» (siehe Sagen).
Aus dem Spannungsfeld des überlieferten Kulturgutes und den aktuellen mündlichen Erzählungen entsteht ein zeitloses Bild von Realität und Fiktion. Die von Pascal Grütter für das Hörspiel entworfenen elektronischen Klangebenen verbinden die Erzählstränge und lassen Raum für eigene Imaginationen.
Das Hörspiel vernehmen die BesucherInnen auf der Sesselbahnfahrt in der Dämmerung eines Sommerabends.
Die durch Licht punktuell hervorgehobene Landschaft öffnet die Wahrnehmung und weckt Fantasien.
Figuren und MusikantInnen locken, leiten und begleiten die TeilnehmerInnen auf der ganzen Reise.

Ablauf
Die Reise (ca. eineinhalb Stunden) besteht aus vier Teilen:

Einleitung: Mit einem Trunk (einheimischer Wein) werden die BesucherInnen beim Herrenviertelplatz im alten Dorfkern in Empfang genommen. Unerwartet tauchen paarweise Pfeifer aus den Gassen auf. Dazu spielen sie mittelalterlich inspirierte Melodien, komponiert von Hanspeter Daester. Gruppenweise folgen die Teilnehmenden den MusikantInnen durch verwinkelte Wege zur Bahn.

Bergfahrt: Das Hörspiel, eine Collage aus Erzählungen, Sagen und elektronischen Klängen, vernimmt das Publikum über Kopfhörer. Die BesucherInnen schweben über vereinzelte Szenerien, die sich beim näheren Hinschauen als alltägliche Situationen zu ungewohnter Tageszeit entpuppen. So zum Beispiel eine Gruppe beim Picknick am Lagerfeuer, oder eine strickende Frau auf entgegenkommendem Sessel.
Lichttöne färben die Landschaft punktuell zu einer geheimnisvollen Kulisse.

Bergstation: Vom Liftsessel ausgestiegen, führt der Weg zu Fuss weiter. Irrlichter locken die Paare in die Landschaft. Fahles Licht unterstützt die sehnsüchtige Stimmung. In der Ferne sind visualisierte Sagenmotive als Projektion zu erkennen. Es ertönt einsamer Gesang.

Talfahrt: Vom Rundgang zurückgekehrt, vernehmen die BesucherInnen den zweiten Teil des Hörspiels wieder über Kopfhörer.
Die Aussicht spricht für sich selbst. Klänge lösen allmählich die Erzählstimmen ab, werden leiser und vermischen sich mit Geräuschen der Aussenwelt, bis die BesucherInnen wieder ganz Fuss fassen und an der Talstation in Empfang genommen werden.
Die Bar am Herrenviertelplatz bietet Gelegenheit, sich bei Wein und Raclette über das Erlebte auszutauschen. Am Wochenende Live-Musik.

Sagen
Jedes Volk hat seine Sagen von alten Zeiten mit Riesen, Helden, Fürsten, holden Frauen, Zwergen, guten und bösen Geistern und Hexen. Vieles davon stammt aus der Vorstellungswelt des einstigen Heidentums, bekam aber mit der Zeit teilweise ein christliches Gewand. Für das Wallis sind die Totensagen typisch, so auch für Visperterminen.

“Uf all Fäll, wenn mier jetz jemand würdi bigägnu, als armi Seel, wa ich jetzt kännu. Ich weiss nit, da verchäm’ ich fascht Ohnmacht, welt ich säge. Das isch mer lieber nit.”

Das «Leüberwägji» war seit jeher die Strasse für die nächtliche Totenprozession. In langer Reihe schreiten da die Armen Seelen um Mitternacht, um für ihre im Leben begangenen Sünden Busse zu tun. Dem Gratzug darf sich nichts in den Weg stellen. Der Baumfäller im Wald muss vor Nachteinbruch den umgesägten Baum entfernen, wenn er quer über das Leüberwägji fällt, damit die Totenprozession weiterschreiten kann. Tut er es nicht, so werden die Toten nachts an seine Haustür klopfen und freien Weg verlangen. Nachts dieses Weglein zu begehen ist gefährlich, denn man könnte der Totenprozession begegnen, und dann sind die Lebenstage gezählt.

Büssen müssen die Armen Seelen im kalten Wasser der zweifachen Gamsuschreji (doppelter Wasserfall der Gamsa im Nanztal). Wer nachts da vorbeigeht, der hört die büssenden Seelen im Rauschen des Wasserfalls beten und klagen. Wie alle Gletscher des Wallis, so ist auch der Gamsa- und Mattwaldgletscher angefüllt von armen Seelen, die im Eise festgefroren für ihre Sünden büssen müssen. (…)

Oft sieht man nachts am gegenüberliegenden Zeneggerberg oder an irgend einem Berghang oder Wald Lichtlein sich bewegen. Es sind Arme Seelen. (…)

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts wurde ein Mann aus Visperterminen in der Nähe von Glis von einem Unbekannten, der grosse Eile zu haben schien, um einen grossen Dienst angesprochen. Es war gegen zehn Uhr in der Nacht. Als jener zu helfen versprochen, wenn er könne, erzählte dieser, er habe vor Jahren aus Fahrlässigkeit auf der Alpe ein Rind zu Grunde gehen assen. Er solle doch so gut sein und noch vor zwölf Uhr ihm vom Eigentümer Erledigung erflehen. Der Angesprochene entgegnete, der wohne gar zu weit und könne vor zwölf Uhr nicht angetroffen werden. “Oh, dann bin ich verloren!” seufzte der Unbekannte tief. “Tue doch was du kannst; ich will dir helfen.” Einer so herzlichen Bitte konnte unser Mann nicht wiederstehen; er setzte sich darum in Marsch, und es schien ihm, der Unbekannte folge auf der Ferse und helfe vorwärts. Voll Schweiss und keuchend klopfte er an die Türe des Geschädigten und bat um die ersuchte Erledigung. Der Eigentümer forschte erst noch nach näheren Umständen – da schlug es zwölf Uhr. “Oh schnell!” rief der Bittsteller, “rette doch die arme Seele.” – “Es sei geschenkt”, sprach der Eignetümer, noch bevor die Glocke den zwölften Schlag ertönen liess; und der Unbekannte erschien ihnen voll Jubel und verschwand.

Merkwürdig und in der Walliser Sagenliteratur nicht erwähnt ist die Form des Gratzuges, der als Schar kreischender Schwein erscheint.

Visperterminen / Das Lauberweglein / Der lange Rock
Einem Mann war beim Holzfällen ein Baum über diesen Weg gestürzt. In der kommenden Nacht wurde er aus dem Schlafe geweckt und aufgefordert, schnell zu kommen und den Weg zu räumen. Augenblicklich ging er hin und legte den Weg frei. Kaum war dies geschehen, zog ein langer Leichenzug vorbei.
Am Schlusse lief eine Frau, die einen ganz langen, langen Rock trug und immer sich selbst draufstampfte, weil sie ihn nachschleppte. Es war ihr nur mit grosser Mühe möglich, mit den andern Schritt zu halten. Der couragierte Mann wagte sich an sie, packte den Rock, raffte ihn auf und gab ihr den Wulst in die Hand. Dessen war die arme Seele so froh, dass sie jetzt den andern nachkommen könne.
Das soll eine Frau gewesen sein, die im Leben zu kurze Röcke getragen hatte.

“Ich schtellu schi mer wiiss und nit grad aagnähm vor, lache tiendsch villicht, also ich welt ine nit begägne.”

Der Strumpf auf der Achsel
Eine Familie sah eines Abends aus dem Fenster eine Prozession vorbei ziehen. Gegen Ende des Zuges erkannten sie ihre verstorbenen Verwandten. Der letzte, ein Mann ohne Kopf und einem Strumpf auf der Achsel, war nicht zu erkennen. Als der Zug vorüber war und man sich umwandte, bemerkten alle, mit Ausnahme des Grossvaters, dass dieser einen Strumpf auf der Achsel trug. Die Familie wusste sogleich, was das bedeutete.

Das Pferd und der Totenzug
Ein Fuhrmann mit seinem verletzten Pferd sah einen Totenzug vorbeiziehen. Er fasste Mut und sprach die Toten um Hilfe an. Diese erklärten ihm: «Wir können dir nicht helfen, wir müssen eilen. Die ersten sind schon auf dem Siwiboden, die letzten aussen im Kehr. Von diesen kann dir geholfen werden.» Und richtig, als der Totenzug geendet hatte, stand sein Pferd wieder gesund auf der Strasse.

Oft wird die Totenschar aber nur gehört. Und da können die Verstorbenen singen, spielen, trommeln, lachen, jauchzen, weinen, beten, fluchen und lärmen. Alte Walliser hatten ihre Musik, Klarinett- und Trommelweisen so oft gehört, dass sie diese nachspielen oder nachpfeifen konnten. Andere Male tönt es von unten herauf wie ein Erdbeben, wie ein Windstoss und Getöse.

Im wilden Geklüfte eines Gebirges hörte einmal ein Gemsjäger auf der Warte einen wunderschönen Gesang. Sanfte Töne trafen so lieblich an sein stillhorchendes Ohr, dass er unwillkürlich aufstand und zur Stelle hineilte, von woher die melodische Stimme zu kommen schien. Und siehe! Er fand, offenbar in grossen Qualen, eine Arme Seele, die da so fröhlich sang. Verwundert fragte der Jäger, wie sie doch in so grossen Peinen frohlocken und so munter singen möge. “Da muss ich wohl singen und mich herzlich freuen”, antwortete die Arme Seele, “mein Schutzengel hat mir soeben geoffenbart, ein liebes Vögelein hätte heute beim Aufpicken eines Tannzapfens ein Samenkörnlein auf die Erde fallen lassen, welches keimen, sprossen und zu einem Baum heranwachsen werde. Aus dem Holze dieses Baumes werde dann für die Leiche eines unschuldigen Kindes das Särglein gemacht werden und beim Tode dieses Kindes”, fügte sie singend hinzu, “werde ich, von allen Qualen frei, in den Himmel kommen”.


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